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2021

Andrea Arnold

FILMOGRAFIE (AUSWAHL)

 

MILK (KURZFILM, 1998)
DOG (KURZFILM, 2001)
WESPEN (KURZFILM, 2003)
RED ROAD (2006)
FISH TANK (2009)
WUTHERING HEIGHTS – EMILY BRONTËS STURMHÖHE (2011)
AMERICAN HONEY (2016)
COW (DOKUMENTARFILM, 2021)

 

Wann wurde im Kino so heftig und ohne Unterlass geflucht wie in Fish Tank (2009)? 1993 in Mike Leighs Nackt? »Die Party ist vorbei«, sagt Johnny, die humpelnde Hauptfigur, dort. Für die 15-jährige Mia in Andrea Arnolds zweitem Spielfilm Fish Tank hat die Party noch gar nicht begonnen. Ziellos und zornig streift sie in ihrer grauen Jogginghose durch die Flure der abgewrackten Sozialsiedlung, in der sie lebt, und durch die rostigen Brachen drumherum. Ihre alleinerziehende Mutter und ihre kleine Schwester überzieht sie mit Beschimpfungen – und wird selbst hart angegangen. Eine Teenagerin, bebend vor Enttäuschung und Sehnsucht, jederzeit bereit zu explodieren. Doch wenn sie ihre Hip-HopMoves macht, wird ihr verspannter, hagerer Körper weich und verletzlich. Es ist wie in den meisten Filmen von Andrea Arnold: Brutalität und Schönheit liegen nah beieinander.

 

Fish Tank ist der autobiografischste Film der 60-jährigen Regisseurin. Sie ist selbst »Working Class«, aufgewachsen in einer Trabantensiedlung in Dartford in den Outskirts von London. Ihre Mutter war 16, als sie Arnold bekam, der Vater 17 und schnell über alle Berge. Auch für Andrea Arnold war Tanzen ein Ausweg aus der negativen Sozialspirale. Mit 17 Jahren gewann sie einen Platz am Londoner Laban Dance Centre, einer der führenden Schulen in England, machte später Kinderfernsehen, ging mit Ende 20 nach Los Angeles und studierte am American Film Institute Regie. Mit Wespen (2003), einem ihrer ersten Kurzfilme, gedreht in Dartford, gelang ihr der große Triumph. Sie gewann den Oscar und katapultierte sich über Nacht zur neuen, aufregenden Stimme des britischen Sozialrealismus.

 

Mit Andrea Arnold fand eine explizit weibliche Perspektive Eingang in das Kino der Randständigen und Marginalisierten. Arnolds Blick hat nichts Gaffendes und nichts Geschöntes. Die Ästhetik ihrer Filme ist so rough wie das Lebenssetting der Menschen, um die es geht. Handkamera statt austarierter Kadrierungen, harte Cuts, kaum künstliches Licht. Ihre Schauspieler·innen sind No-Names oder Laien – wie Katie Jarvis, die Darstellerin von Mia in Fish Tank. Arnold hatte sie auf einem Bahnsteig entdeckt, als sie sich mit ihrem Freund stritt.

Andrea Arnold ist mit ihren Filmen Dauergast auf allen renommierten Festivals. In Cannes erhielt sie für ihr Spielfilmdebüt Red Road (2006), einen sexuell aufgeladenen Psychothriller, den Jurypreis, ebenso wie für Fish Tank und American Honey (2016), ihre erste Produktion in den USA. Nach der letzten Vorführung von Wuthering Heights – Emily Brontës Sturmhöhe (2011) in Sundance hatte Arnold beschlossen, ihren Heimflug ausfallen zu lassen und stattdessen mit einem Mietwagen quer durch Amerika zu fahren. Wie ihr eigener Roadtrip ist auch American Honey – die Geschichte einer Gruppe von jungen Leuten, die im Bus durch Oklahoma tingeln und Zeitschriftenabos verkaufen – von Zufall und Instinkt geleitet. Eine mäandernde Erzählung, chronologisch gedreht. »Ein Film«, sagte die Regisseurin einmal, »ist für mich eine Reise, auf die ich mich begeben muss. Sie beginnt bei mir selbst und bewegt sich nach außen.«

 

Auch Arnolds neuester Film Cow (2021) ist eine Art Roadmovie, eine Reise durch das Leben einer Kuh. Und wie so oft bei Arnold ist er mit ihrer Biografie verknüpft. »Neben unserem Haus in Dartford«, erzählt sie in einem Interview, »war ein Feld, auf dem die Kühe grasten. Als Erwachsene hatte ich den Bezug dazu verloren. Über Cow wollte ich dahin zurückfinden.«

 

Das Filmgespräch mit Andrea Arnold findet im Anschluss an die Premiere von COW am 01.10. statt.

 

 

01.10. 19:00 CinemaxX 3

COW

 

03.10. 14:00 Metropolis

WUTHERING HEIGHTS – EMILY BRONTËS STURMHÖHE

 

03.10. 16:45 Metropolis

RED ROAD

 

07.10. 21:45 Passage

COW

 

2021

Sean Baker

FILMOGRAFIE (AUSWAHL)

 

FOUR LETTER WORDS (2000)
TAKE OUT (2004)

STARLET (2012)
PRINCE OF BROADWAY (2015)
TANGERINE L.A. (2015)
FLORIDA PROJECT (2017)
RED ROCKET (2021)

Die Faszination, die die amerikanische Kultur nicht nur auf Menschen in den USA, sondern in der ganzen Welt ausübt – in Europa, Asien oder auch in Südamerika – ist erstaunlich. Hier wie dort werden das Elend und das Unglück ausgeblendet, die das Leben der schweigenden Mehrheit in den USA bestimmen. In der Formel des »Amerikanischen Traums« steckt ein teleologisches Prinzip und die Behauptung, dass jeder Mensch Architekt seines Aufstiegs ist und überhaupt Protagonist dieses Mythos sein möchte. In einer großen Zahl von Produktionen des Hollywood-Kinos hat der Amerikanische Traum bis heute einen imaginären Komplizen gefunden, der ihn rechtfertigt, korrigiert, schützt und erneuert. Viele »American Independents« gehen einen anderen Weg und richten ihre Aufmerksamkeit auf diejenigen, die sich der Chimäre verweigern. Besonders bemerkenswerte Beispiele aus den vergangenen Jahren sind die Safdie-Brüder, Kelly Reichardt – und zweifelsohne Sean Baker.

 

Die Figuren in Bakers Filmen sind Gefeuerte der Gesellschaft. Ein Stricher in New York (Prince of Broadway, 2015), eine junge Frau, die gelegentlich als Pornodarstellerin arbeitet (Starlet, 2012), zwei Transgender-Frauen, die sich auf den Straßen von Los Angeles prostituieren (Tangerine L.A., 2015), eine alleinerziehende Mutter, die mit ihrer Tochter in einem Motel in der Nähe von Disneyland in Orlando überlebt (Florida Project, 2017) – oder, wie in seinem jüngsten Film, ein ehemaliger Pornostar, der sich als Unternehmer in Texas durchschlägt (Red Rocket, 2021). Bakers Respekt vor seinen Protagonist·innen ist das Ergebnis einer ausgeprägten sozialen Sensibilität. Er beschwört das Elend nicht, schwächt ihr Leiden aber auch nicht ab. Er zeigt Momente des Glücks und lässt seinen Figuren ihre Würde.

Stellvertretend dafür steht eine Szene in Tangerine L.A.. Sie zeigt einen Blowjob in einer Autowaschanlage. Hier, in diesem kurzen Ausschnitt, entfaltet sich die ganze Poetik des 50-jährigen Regisseurs: die Sympathie für seine Figuren, das große Feingefühl bei der Darstellung von Erotik, ein signifikantes Gespür für das Zusammenspiel von Formen und Farben und eine latente Komik, die weit entfernt ist von Geschmacklosigkeit. In Sequenzen wie diesen glänzt Bakers Kino, denn wo andere vielleicht auf den Skandal und die Provokation schielen würden, setzt er stets auf dramatische Ausgewogenheit und ästhetische Präzision. Es scheint in dieser Szene in Tangerine L.A. auch eine gewisse soziologische Hellsichtigkeit durch, die in fast allen Baker-Filmen zu finden ist: Sexualität und Kapitalismus sind sich nicht fremd, vielleicht weil Begehren und Besitz in ähnlichen Bahnen verlaufen. Sowohl in Starlet als auch in Tangerine L.A. und Red Rocket bestimmen Pornografie und Prostitution das materielle Leben der Protagonist·innen auf kurze oder lange Sicht.

 

Die Filme von Sean Baker besitzen eine verblüffende Vitalität, ohne sich von den Abgründen der Welt abzuwenden. Worin liegt ihr Schlüssel? Dank der Integrität seiner Figuren entwirft Baker in den Zwischenräumen einer auseinanderdriftenden Gesellschaft eine diskrete Utopie von Bindungen und Gefühlen, die nichts mit dem Amerikanischen Traum zu tun hat.

 

Das digitale Bargespäch mit Sean Baker ist ab 3.10. hier abrufbar.

 

 

03.10. 21:00 CinemaxX 1

RED ROCKET

 

04.10. 21:15 Studio

TANGERINE L.A.

 

06.10. 21:15 Passage

RED ROCKET

 

07.10. 21:30 Studio

STARLET

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