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2022

RUTH MADER

FILMOGRAFIE (AUSWAHL)

 

GFRASTA (KURZFILM) 1998
NULL DEFIZIT (KURZFILM) 2001
STRUGGLE 2003
WHAT IS LOVE (DOKUMENTARFILM) 2012
LIFE GUIDANCE 2017
SERVIAM – ICH WILL DIENEN 2022

 

Der Teufel kommt in einem teuren Wagen vorgefahren. Er ist von Beruf Reproduktionsmediziner und möchte seine Tochter abholen. »Non serviam«, zischt er die Nonne an, die ihn im Foyer empfängt, und outet sich damit als Antagonist des Glaubens. »Sie haben Angst vor der Liebe«, sagt er zu ihr. »Sie haben Angst vor Gott«, gibt sie zurück.

 

Ein katholisches Mädcheninternat in Österreich als Horrorhaus, voller erdrückender Einsamkeit und religiösem Eifer. Im Zentrum steht eine junge Ordensschwester, die gegen die unaufhaltsam voranschreitende Säkularisierung der Gesellschaft ihre radikale, reine Lehre setzt. Ihrer folgsamsten Glaubensschülerin übereignet sie einen Bußgürtel aus spitzem Draht, den sie um den Bauch trägt – und prompt präsentiert das Mädchen stolz seine »Wundmale«, bekommt Fieber von den Entzündungen und verschwindet fortan im fünften Stock des Stifts. Hier oben darf sonst niemand hin. Es ist eine verwaiste No-go-Area mit leeren Betten, in der für alle offenbar werden würde, dass die Religion den Kampf gegen die Welt längst verloren hat.

 

Andere hätten aus diesem Stoff über Fundamentalismus und Manipulation ein düsteres, klaustrophobisches Drama gemacht. Nicht so Ruth Mader. Sie erzählt die Geschichte ihres neuen Films Serviam – Ich will dienen als lupenreinen Thriller. Für ihr Arsenal der Angst bediente sie sich bei den Besten des Genres. Der Soundtrack zitiert Hitchcock, für die langen Einstellungen der Gänge im Internatsgebäude standen Kubricks The Shining und Carpenters Halloween Pate. Das Unheimliche lauert an jeder Ecke, hinter jeder Tür. Und immer wieder kommt die Bibel zum Einsatz, als Instrument der Einschüchterung und verlässliche Quelle des Grusels. In fünf Animationen bebildert Mader Szenen aus der Offenbarung des Johannes über die Auslöschung der Welt und ihren Neustart. Spiritualität und Suspense gehen in Serviam – Ich will dienen eine höchst inspirierende und beunruhigende Zusammenarbeit ein.

 

Ruth Mader ist in dieselbe Mädchenschule in der Nähe von Wien gegangen, in der sie auch gedreht hat. Später studierte sie Regie an der Wiener Filmakademie und gewann 1998 mit ihrem Kurzfilm Gfrasta den renommierten Max Ophüls Preis. Mit dieser Studentenproduktion über vier Mädchen, die ein anderes Mädchen quälen, waren Ton und Thema der Folgearbeiten gesetzt: Filme über soziale Randfiguren und gesellschaftliche Verwerfungen, in denen das Dokumentarische in die Fiktion ragt – und umgekehrt. 

In Null Defizit (2001) knüpfte Mader an das Genre des Propagandafilms an und stellte marginalisierte Gesellschaftsgruppen in den Mittelpunkt, die unter der Politik der damaligen Mitte-Rechts-Regierung am meisten zu leiden hatten. In ihrem Spielfilmdebüt Struggle, das 2003 seine Premiere in der Sektion »Un Certain Regard« in Cannes feierte, schildert sie die toxische Begegnung zwischen einer polnischen Arbeitsmigrantin und einem Wiener Immobilienmakler. Und in What is Love (2011) stellt die Regisseurin in fünf dokumentarischen Miniaturen über unterschiedliche Menschen und deren Lebensmodelle die großen Fragen: nach dem Glück und nach dem Sinn.

 

Mit What is Love (2011) hält eine verstärkte Stilisierung Einzug in Maders Werk. Die Bilder sind streng kadriert, die Einstellungen statisch. Die Räume gewinnen an Bedeutung und werden zu wichtigen Elementen der Erzählung. Diesen formalen Ansatz baut Ruth Mader in ihrem zweiten Spielfilm Life Guidance weiter aus. In einer Welt des perfektionierten Kapitalismus bietet darin eine Agentur – »Life Guidance« – den Leistungsträger·innen der Gesellschaft einen Service zur maximalen Optimierung an. Die Dystopie einer freundlichen und transparenten Entmenschlichung übersetzt der Film in eine Bildsprache, die von sachlichen und symmetrischen Architekturen und starken Lichtkontrasten geprägt ist – ein ästhetisches Programm, das sich in Serviam – Ich will dienen nahtlos fortsetzt. Mader: »Ein Raum hat immer ganz exakte Funktionen zu erfüllen. Jeder Kader muss stimmen. Es darf nie falsch sein.«

 

Das Filmgespräch mit Ruth Mader findet im Anschluss an die Vorstellung von Struggle und Gfrasta am 07.10.  im Metropolis statt.

 

06.10. 20:30 CinemaxX 3

SERVIAM – ICH WILL DIENEN

 

07.10. 19:15 Metropolis

STRUGGLE / GFRASTA

 

07.10. 22:00 Metropolis

WHAT IS LOVE

 

08.10. 19:15 Abaton

SERVIAM – ICH WILL DIENEN

 

2022

SANTIAGO MITRE

FILMOGRAFIE (AUSWAHL)

 

EL AMOR – PRIMERA PARTE 2005
THE STUDENT 2011
LOS POSIBLES 2013
PAULINA 2013
THE SUMMIT 2017
PETIT FLEUR (15 WAYS TO KILL
YOUR NEIGHBOUR) 2022
ARGENTINA, 1985 2022

Im April 2011 feierte Der Student seine Premiere auf dem El Buenos Aires Festival Internacional de Cine Independiente (BAFICI). Bei der Pressevorführung am Morgen davor gab es hitzige Diskussionen. In der politischen Interpretation der Handlung gingen die Meinungen auseinander, in einem Punkt aber waren sich alle einig: Die Erzählung war fundiert und berief sich auf eine Tradition des argentinischen Kinos, das sich den Klassizismus des amerikanischen Kinos zum Vorbild nimmt und ihm seinen eigenen Stempel aufdrückt. Manche argentinische Filmemacher·innen haben sich für diese Richtung stark gemacht. Einige jüngere Filmschaffende wie Pablo Trapero haben versucht, diese Tradition wiederzubeleben, wenn auch nicht immer mit durchweg überzeugenden Ergebnissen. Mitre ist vielleicht die große Ausnahme. Das war der Konsens damals.

 

Die Premiere von Der Student war ein Meilenstein für das unabhängige argentinische Kino. Die Begeisterung war groß, ebenso wie der Wunsch, über den Film zu diskutieren. Im unabhängigen fiktionalen Kino hatte man sich der Politik, wenn überhaupt, nur auf Umwegen genähert, sie blieb faktisch ausgeblendet und wurde aus dem Blickfeld verdrängt. Das war das Versagen einer Generation, die das Ausbreiten des Privaten als Szenario für ihre Geschichten bevorzugte. Mitre widersetzte sich diesem Ansatz und wählte eine Art Mikrophysik der Macht in den Institutionen als zentrale Figur von Der Student und auch vieler seiner Filme, die danach kamen.

 

Mit Paulina (2015) griff er einen Klassiker des argentinischen Kinos auf und aktualisierte ihn für die Gegenwart. Die Geschichte einer Lehrerin, die sich entschieden hatte, ihren Beruf in einer Einrichtung im Norden Argentiniens, einem verarmten Teil des Landes, auszuüben – war nichts anderes als eine erzählerische Untersuchung darüber, was es bedeutet, einer Klasse anzugehören. Darüber, was sich im Hinblick auf den Unterschied zwischen den Klassen abspielt und welche Auswirkungen Konflikte und (geschlechtsspezifische) Gewalt auf politische Überzeugungen haben. Bald darauf sondierte der junge Filmemacher in The Summit (2017) das Terrain der Macht erneut, indem er sich an einer Parodie eines Politthrillers versuchte und gnadenlos die Beziehungen zwischen argentinischen (und lateinamerikanischen) Führungspersönlichkeiten und deren Netzwerke kritisierte, in die sie verstrickt sind und die ihre Entscheidungen maßgeblich mitbestimmen.

 

In Argentinien, 1985 (2022) wendet sich Mitre nun einmal mehr dem Thema Macht zu, nicht nur in ihrer mikrophysikalischen Ausprägung, sondern auch als unheilvolles Instrument eines repressiven Staates,

der seine Bürger verschwinden lassen kann. Die Rekonstruktion des Prozesses gegen die Junten der letzten bürgerlich-militärischen Diktatur ist keine allegorische und parodistische Erzählung mehr wie in The Summit oder die bloße Darstellung einer viel kleineren Macht in einem fiktionalen Universitätsdrama wie in The Student. Argentinien, 1985 ist ein Film mit realen Namen: Von denen eines Staatsanwalts und seines Assistenten, die Geschichte schrieben, denen der konkreten Opfer, die einen Rechtsanspruch hatten – und auch von den Schurken, die die Strafe erhielten, die sie verdient haben. Die Thematik verlangte erzählerische Gewandtheit, historische und ideologische Genauigkeit und eine ausgewogene Ästhetik. Mitre erwies sich dieser Aufgabe in allen Punkten gewachsen.

 

Seit jeher hat für den Filmemacher die Erzählung Vorrang, gleichwohl denkt er über die Relevanz einer Kamerafahrt, die Wahl des Bildausschnitts oder den klugen Einsatz der Tiefenschärfe nach. Mitre mag in ästhetischer Hinsicht eine gewisse Zurückhaltung an den Tag legen, doch wenn er eine Traumsequenz hinzufügen muss, die formale Experimente beinhaltet, oder wenn eine weniger orthodoxe Montage einsetzt, die eine Art von Assoziation hervorruft und der linearen Narration fremd ist, integriert er solche Verfahren immer in den Erzählfluss. Klassisch zu sein bedeutet nicht, dass man nicht modern sein kann.

 

Macht zu filmen, sie wirken zu sehen, sie zu hinterfragen, sie zu brechen, sie zum Straucheln zu bringen. Macht kann gefilmt werden und dabei kann eine Gegenmacht formuliert werden. Das ist eine gute Agenda für einen Filmemacher.

 

Das Werkgespräch mit Santiago Mitre findet am 5.10 um 21:30 in der FILMFEST BAR/KASSEMATTE20 statt.

 

04.10. 21:30 Abaton

ARGENTINA, 1985

 

05.10. 18:30 Metropolis

THE STUDENT

 

06.10. 21:15 CinemaxX 2

PETITE FLEUR (15 WAYS TO KILL YOUR NAEIGHBOUR)

 

07.10. 16:00 CinemaxX 3

ARGENTINA, 1985

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