
Räume öffnen
8. April 2026
Seit über 20 Jahren prägt Kathrin Kohlstedde als Programmleiterin das Profil von FILMFEST HAMBURG. Gemeinsam mit Festivalleiterin Malika Rabahallah verantwortet sie die Filmauswahl und damit die Frage, welche Perspektiven, Stimmen und Geschichten im Herbst auf die Leinwand kommen. Im Gespräch erzählt sie, warum die Auswahl keinem starren Kriterienkatalog folgt und welche Rolle ein Festival heute für die Zukunft des Kinos spielt.
FILMFEST HAMBURG: Woran erkennen Sie, dass ein Film ins Programm von FILMFEST HAMBURG gehört?
KATHRIN KOHLSTEDDE: Wir sichten jedes Jahr unglaublich viele Filme, und trotzdem funktioniert unsere Auswahl am Ende nicht wie eine Checkliste. Oft denke ich dabei an eine Szene aus Der Teufel trägt Prada: Miranda Priestly, gespielt von Meryl Streep, erklärt der Figur von Anne Hathaway, warum ihr azurblauer Pullover kein Zufall ist, sondern das Ergebnis unzähliger ästhetischer Entscheidungen, Trends und Vorarbeiten. So ähnlich ist unsere Arbeit im Team: Wir sehen hunderte Filme, und am Ende zeigen wir nicht »die Filme des Jahres«, sondern unsere Auswahl der schönsten azurblauen Pullover der aktuellen Filmsaison und vielleicht schon die neuen Farben, die die nächste prägen werden. Uns geht es weniger um starre Kriterien als um ein Zusammenspiel aus Handschrift, Haltung und Wirkung. Ein Film sollte etwas Eigenes mitbringen: eine Perspektive, eine Energie, eine Erzählweise, die neugierig macht. Wir fragen uns im Team: Würden wir diesen Film unserem Publikum wirklich ans Herz legen? Hat er etwas, das nachwirkt? Löst er Gespräche aus?
FILMFEST HAMBURG: Auch Debütfilme spielen dabei eine besondere Rolle. Warum?
KATHRIN KOHLSTEDDE: In ersten Arbeiten entdeckt man oft zum ersten Mal eine neue Stimme – roh, mutig, manchmal noch nicht perfekt, aber mit klarer Vision. Gleichzeitig sind uns erfahrene Filmschaffende genauso wichtig. Entscheidend ist nicht, ob es der erste oder der zehnte Film ist, sondern ob er uns überzeugt, überrascht oder berührt. Vielleicht sind wir keine Miranda Priestly – ganz bestimmt nicht mit ihrer Arroganz –, aber wir glauben, dass die Filme, die wir für unser Programm und unser Publikum zusammenstellen, eine Vision davon vermitteln, was Kino sein kann. Und wir freuen uns, wenn sich das Publikum gemeinsam mit uns darauf einlässt, Neues zu entdecken.
FILMFEST HAMBURG: Welche Rolle kann FILMFEST HAMBURG für die Zukunft des Kinos spielen?
KATHRIN KOHLSTEDDE: Wenn wir über die Zukunft des Kinos sprechen, denken wir weniger in technischen Trends oder Formaten als in Haltungen. Das Filmfest hat sich immer an Werten orientiert, die heute fast wie ein Gegenentwurf zur permanenten Beschleunigung wirken: Fokussierung, Miteinander, Offenheit – und vor allem Zuhören. Fokussierung heißt für uns, sich Zeit zu nehmen für Filme, Geschichten und Perspektiven, die im Alltag oft untergehen. Ein Festival schafft einen Raum, in dem man wirklich hinschaut – ohne Second Screen, ohne Ablenkung, mit Aufmerksamkeit füreinander und für das, was auf der Leinwand geschieht. Miteinander bedeutet, Kino als gemeinschaftliche Erfahrung zu stärken. Gerade ein urbanes Publikum lebt vom Austausch: vom spontanen Gespräch im Foyer, von Diskussionen nach dem Film, von der Lust, Eindrücke zu teilen. Ein Festival kann genau diese Räume öffnen – als Treffpunkt für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, die sich für ein paar Stunden auf dieselbe Geschichte einlassen. Offenheit – und vor allem Zuhören – heißt für uns, neue Perspektiven sichtbar zu machen. Talente zu fördern, bedeutet nicht nur, Karrieren zu begleiten, sondern Stimmen Raum zu geben, die unsere Sicht auf die Welt erweitern. Ein Festival kann neugierig auf das Unbekannte machen und Empathie für Lebensrealitäten wecken, die nicht die eigenen sind. Wenn FILMFEST HAMBURG etwas für die Zukunft des Kinos – und darüber hinaus – leisten kann, dann vielleicht genau das: ein Ort zu sein, an dem eine diverse Stadtgesellschaft zusammenkommt, sich Zeit nimmt, zuhört und gemeinsam entdeckt, wie vielschichtig die Welt erzählt werden kann.



