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Interview Fatih Akin
02.10.2020

22 Jahre nach seiner Premiere kommt Fatih Akins Spielfilmdebüt Kurz und Schmerzlos bei FILMFEST HAMBURG erstmals in einer restaurierten Fassung auf die Leinwand. Im Interview spricht der Hamburger Regsiseur, der 2014 mit dem Douglas Sirk Preis ausgezeichnet wurde, über den Restaurierungsprozess und warum sein Film im Grunde erst jetzt richtig fertig ist.

Wie ist die Idee entstanden, jetzt eine Restaurierung von Kurz und schmerzlos zu machen?

Das geht alles zurück auf eine Vorführung des Films vor zwei Jahren bei einer Veranstaltung des Hamburger Denkmalvereins zum Thema Stadtteil im Film. Der Film wurde dort von DVD gezeigt, und hakte während der Projektion ständig, weil die DVD so alt war und mittlerweile auch vergriffen. Der Film ist danach nie mehr erschienen, weil die Musikrechte abgelaufen waren und nie erneuert wurden.

Weil das zu teuer war?

Das kann teuer sein, aber in diesem Fall war es vor allem aufwendig. Kurz und schmerzlos hat wie viele meiner Filme sehr viel Quellenmusik und da muss man dann alle Künstler wiederfinden und die Rechte nachverhandeln, und davor hatte man sich gescheut. Ich habe mich an Warner Bros. gewandt. Mit denen habe ich ja durch Aus dem Nichts und Der Goldene Handschuh eine sehr fruchtbare und kreative Partnerschaft entwickelt und sie gefragt, ob sie Interesse an dem Film haben und die Musikrechte finanzieren würden. Die haben zugestimmt und gleich vorgeschlagen, eine komplette digitale Überarbeitung des Films zu machen.

Wie sah der Restaurierungsprozess konkret aus?

Eine 4K-Restaurierung war in dem Fall nicht sinnvoll, da der Film auf Super16 gedreht wurde. Wir haben jetzt mit der 2K-Auflösung das bestmögliche Ergebnis erzielt. Außerdem haben wir den Film neu gemixt, von Stereo auf Dolby Surround und natürlich alle Kratzer und Fehler auf dem Material entfernt. Mit den technischen Möglichkeiten von heute kannst du viele Sachen berichtigen.

Zum Beispiel?

Mikrofone, die im Bild direkt oder als Spiegelung zu sehen waren und die Farben! Mein Kameramann Frank Barbian und ich haben damals ein Lichtkonzept  ausgeheckt, das eine Bleichbadüberbrückung vorgesehen hatte, also entsättigte Farben. Durch das Blow-Up von Super16 auf 35mm geht zusätzlich Farbe verloren. Frank hat für den Fall, dass es zu einem extremen Verlust von Farbe kommt, beim Drehen mehr Licht verwendet: um die Farben zu kräftigen. Doch dann war irgendwann das Budget erschöpft, und wir konnten diese Bleichbadüberbrückung nicht mehr finanzieren. Ich war also nie wirklich glücklich mit den Farben, die waren zu bunt und zu hell. Wir haben das dann den Leuten von der Farbkorrektur bei Optical Art, die die digitale Überarbeitung gemacht haben, erklärt. Die konnten am Computer die Bleichbadüberbrückung simulieren, und so erscheint der Film jetzt.

Also endlich so, wie du ihn dir vorgestellt hast.

Ja, im Grunde ist die Arbeit an Kurz und schmerzlos erst nach 22 Jahren vollendet!

Wie war es für dich den Film wiederzusehen?

Ich habe den Film wegen der Überarbeitung oft wiedergesehen, davor mit Ausnahme der Vorführung beim Denkmalverein bestimmt 15 Jahre lang nicht. Es ist schwer, ihn wieder zu sehen, du siehst all die Sachen, die du heute anders machen würdest, die »Fehler«. Aber es ist eine wichtige Lebensübung damit umzugehen ‐ nicht mehr so hart zu sich zu sein und statt nur den Fehlern die Qualitäten zu sehen. Wenn ich heute auf den Film schaue, dann entdecke ich da innovative Sachen und auch Rudimente meiner späteren Arbeit. Vieles, was Gegen die Wand oder Soul Kitchen und auch Der Goldene Handschuh ausmachen, ist schon ansatzweise in Kurz und schmerzlos zu sehen.

Zugleich hat sich seit dem Jahr 1998 vieles verändert. Was kann das Publikum von heute in dem Film entdecken?

Ich glaube im Zusammenhang mit dem Thema »People of Color im deutschen Film« ist der Film sehr aktuell. Und als Gangsterfilm kann der Film auch mit 4 Blocks mithalten. Klar, das ist next generation und alles ist härter und schneller und erbarmungsloser und auch globalisierter auf eine gewisse Weise, aber ich glaube, dass Kurz und schmerzlos mehr ist, als nur ein Vorläufer. Die Themen um die es mir damals ging sind immer noch präsent ‐ obwohl es Vergangenheit ist, ist es gleichzeitig Gegenwart. Und das Beste an dem Film, was ich eigentlich ewig als Manko begriffen habe beim Drehen: Ich dachte immer, dass der Film sehr stark von den Männern lebt, dieser Jungs‐Freundschaft und dass die Frauen nicht so gut wegkommen. Aber als ich den Film dann wieder gesehen habe wurde mir klar, es sind gerade die beiden von İdil Üner und Regula Grauwiller gespielten Frauen, die fast interessanter sind, als die Männer. Das fand ich überraschend! Auch weil sie nicht einfach heilige Objekte sind nach dem Motto: Frauen sind eh die besseren Menschen, sondern es sind sehr komplexe, stimmige und spannende Figuren.

Gibt es schon Pläne, was mit dem Film nach der Premiere bei FILMFEST HAMBURG passiert?

Ja, Warner plant einen Kinostart, auch wenn ich nicht weiß wie groß der sein wird wegen Corona. Andererseits könnte sich das auch positiv auswirken, weil jetzt Räume da sind für den Film, da die Kinos nicht so belegt sind mit   Neuerscheinungen. Dadurch hat der Film noch mal eine Chance, im Kino gesehen zu werden. Als der Film seinerzeit gedreht wurde, gab es natürlich die VHS‐Kultur, die ja auch im Film vorkommt, aber das war noch vor Netflix und den Streaming‐Angeboten. Der Film wurde fürs Kino gemacht und ich würde mich freuen, wenn der Film dann auch auf der großen Leinwand geschaut wird.

- Das Interview führte Jendrik Walendy